Ein Gedanke aus dem Viertel:
Auf meinem Balkon im Märkischen Viertel stand diesen Sommer eine Paprikapflanze, die ich selbst gezogen hatte. Irgendwann entdeckte ich Blattläuse daran. Die Blätter sahen weiterhin gut aus. Ich kaufte nichts dagegen und sprühte nichts auf die Pflanze. Mein Gedanke war, vielleicht gibt es andere Tiere, die davon profitieren.
Nach einiger Zeit kamen Wespen. Sie flogen immer wieder die befallenen Stellen an, verschwanden und kehrten zurück. Ich stellte eine flache Schale mit wenig Wasser daneben und beobachtete, wie sie daraus tranken. Über den Sommer konnte ich trotzdem immer wieder Paprika ernten. Ich wusch die Früchte ab und aß sie.
Vielleicht kamen die Wespen wegen des Honigtaus. Blattläuse scheiden diese zuckerhaltige Flüssigkeit aus, die erwachsenen Wespen als Nahrung dienen kann. Was sie an meiner Pflanze genau aufnahmen, konnte ich nicht erkennen.
Für mich passte diese Beobachtung zu einem Gedanken, der mich auch sonst beschäftigt. Ich lebe vegan, weil ich möglichst wenig dazu beitragen möchte, dass Tiere für meine Bedürfnisse zu Schaden kommen. Trotzdem entstehen auch beim Anbau pflanzlicher Lebensmittel Schäden für Tiere. Dass ich auf tierische Produkte verzichte, beantwortet für mich deshalb nicht jede weitere Frage im Umgang mit ihnen.
Bei dieser Pflanze konnte ich selbst entscheiden. Ich sah keine auffälligen Schäden an den Paprikas und wollte die Blattläuse nicht allein deshalb entfernen, weil ich die Paprika für mich gezogen hatte. Vielleicht könnte ich auch etwas anbauen, ausdrücklich damit Insekten davon leben.
Dabei möchte ich mögliche Nachteile nicht übersehen. Blattläuse können Pflanzen schwächen. Geflügelte Tiere können andere geeignete Pflanzen besiedeln, grundsätzlich also auch auf benachbarten Balkonen. Ob das bei mir passiert ist, weiß ich nicht. Die Pflanzen meiner Nachbarschaft gehören zu dieser Überlegung dazu.
Gerade als Stadtmensch ist mir aber wichtig, den Schutz meiner Umgebung im eigenen Alltag mitzudenken. Für Gebäude und Straßen versiegeln wir Boden und nehmen anderen Lebewesen damit Lebensraum. Ich nutze diese Stadt selbst. Umso weniger möchte ich auf meinem Balkon jedes Tier entfernen, dessen Anwesenheit nicht vorgesehen war.
Ähnlich ging es mir bei einem Bekannten, der sich über Maulwurfshügel in seinem Garten ärgerte. In einem Garten, den ich kaum nutze, würde ich ein paar solcher Hügel hinnehmen. Das Tier müsste mir dafür keinen besonderen Vorteil bringen.
Ich konnte meine Paprika ernten und zugleich beobachten, wie andere Tiere die Pflanze nutzten. Aber davon soll meine Rücksicht nicht grundsätzlich abhängen. Eine Pflanze darf für mich auch dann auf meinem Balkon stehen, wenn am Ende die Insekten mehr davon haben als ich.
