Gesichter des Viertels – Michael und sein beklebtes Auto

gesichter des viertels

Auf einer Fototour durch das Märkische Viertel blieb ich an einem Auto stehen, das ich im Vorbeigehen anders wahrnahm als sonst. Der Wagen war mit vielen Aufklebern beklebt. Smileys, Totenköpfe, Farbflecken, Kreuze, Karomuster und Rollstuhlzeichen zogen sich über Türen, Kotflügel und Heck. Auf dem Boden lagen Papierbahnen, Folien und abgeschnittene Reste. Daneben stand Michael mit seinem Rollator und sah nach, was noch halten sollte.

Ich sprach ihn an. Wir erkannten uns wieder, weil wir uns im Viertel schon öfter begegnet sind. Michael tanzte vor einiger Zeit in einer Line Dance Gruppe. Die Gruppe war auch schon im Kunstraum im Märkischen Viertel zu sehen. Er kannte mich vom Fotografieren. Ich erklärte ihm, dass ich nicht nur fotografiere. Ich gehe durchs Viertel, höre zu und berichte über das, was Menschen hier erleben.

Der Grund für die Aufkleber war zuerst ganz praktisch. Michael erzählte, dass sein dunkles Fahrzeug im Straßenbild nicht gut auffällt. Er wolle besser gesehen werden und zugleich vermeiden, andere zu gefährden. Aus diesem Gedanken heraus hat er den Wagen beklebt. Was auf den ersten Blick wie Gestaltung wirkt, hat für ihn also auch mit Sicherheit zu tun.

Zufrieden war er mit dem Ergebnis noch nicht. Einige Aufkleber warfen Blasen. Manche Stellen hielten nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Er hatte die Folien günstig im Internet bestellt. Die Qualität entsprach nicht dem, was er erhofft hatte. In den nächsten Tagen wollte er mit einer Nadel Luft aus den Blasen lassen und nacharbeiten.

Ich sagte ihm, dass die meisten Menschen diese kleinen Fehler wahrscheinlich gar nicht sehen. Ein Auto wird im Alltag selten geprüft wie ein fertiges Werk. Es fährt vorbei, steht am Rand, fällt einem auf oder eben nicht. Bei diesem Wagen bleibt der Blick hängen, weil jemand etwas Eigenes daraus gemacht hat.

Aus dem kurzen Gespräch am Auto wurde mehr. Michael zeigte mir Bilder, die er gemalt hat. Er erzählte vom Bergsteigen, vom Deutschen Alpenverein und von der Zugspitze. Ich dachte dabei an meinen Vater, mit dem ich selbst einmal diese Tour machen wollte. Dazu kam es nicht mehr. In solchen Momenten merkt man, wie schnell ein Gespräch zwischen zwei Menschen aus verschiedenen Lebensphasen einen gemeinsamen Punkt findet.

Michael möchte einige seiner Bilder der Kirche spenden. Gleichzeitig möchte er Erinnerungen daran behalten. Deshalb verabredeten wir, dass ich sie fotografiere, damit er später Abzüge oder Leinwände für sich behalten kann.

Michael vor seinem beklebten Auto im Märkischen Viertel.

Michael schrieb mir später, dass ich den Beitrag veröffentlichen darf. Auch er habe die Begegnung und das Gespräch als nett und aufschlussreich empfunden. Dazu nannte er mir sein Lebensmotto, einen Satz, den er mit Don Bosco verbindet:

„Beten, arbeiten, Gutes tun, fröhlich sein und die Spatzen pfeifen lassen.“

Dieser Satz passt zu dem, was ich an diesem Abend gesehen habe. Michael stand nicht einfach nur an einem Auto mit Aufklebern. Er hatte eine Idee, einen praktischen Grund und eine eigene Art, damit umzugehen. Er wollte besser gesehen werden, auch im Sinne der anderen. Nebenbei entstand ein Gespräch über Tanz, Bilder, Berge, Gesundheit und Erinnerungen.

Vielleicht ist genau das ein Teil vom Märkischen Viertel. Viele sehen sich im Vorbeigehen, im Einkaufszentrum, an der Bushaltestelle, vor den Häusern oder bei Veranstaltungen. Oft bleibt es bei einem Blick oder Nicken. Manchmal reicht aber eine einfache Frage, was machst du da. Dann wird aus einem Blick auf ein Auto ein Gespräch über Sicherheit, Gestaltung, Tanz, Berge, Alter, Gesundheit und Erinnerungen.

Das Viertel besteht nicht nur aus Gebäuden, Wegen und Parkplätzen. Es besteht aus Menschen wie Michael, die ihre eigenen Gründe haben, etwas zu tun. Man muss nicht alles verstehen, um genauer hinzusehen. Manchmal reicht es, stehen zu bleiben und nachzufragen.

Lieber Michael, ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute, hoffe, dass wir uns noch oft im Viertel begegnen, und danke Ihnen für dieses Gespräch, das aus einem kurzen Stehenbleiben vor Ihrem Auto eine Begegnung gemacht hat, die mir in Erinnerung bleiben wird.

Liebe Grüße Lux


Die Begegnung mit Michael entstand am Abend des 25. Mai 2026 gegen 20:00 Uhr im Märkischen Viertel.

VonLux

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