Modediagnosen | Sind plötzlich alle krank?

modediagnose

„Früher gab es das doch auch nicht. Heute hat plötzlich jeder ADHS, Autismus oder irgendeine andere Diagnose.“

Kommt dir dieser Gedanke bekannt vor? Dann solltest du diesen Beitrag unbedingt lesen. Denn eine Diagnose kann neu sein, obwohl die Schwierigkeiten, die sie erklärt, schon seit Jahrzehnten bestehen.

Wenn Beschwerden nicht ernst genommen werden

Bei Endometriose wächst gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter. Betroffene können unter erheblichen Schmerzen leiden und dennoch jahrelang auf eine Diagnose warten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO beschreibt ausdrücklich, dass Menstruationsschmerzen gesellschaftlich häufig heruntergespielt oder als normal betrachtet werden. Eine Erkrankung wird dadurch nicht weniger real. Sie wird möglicherweise nur später erkannt. Weltgesundheitsorganisation

Auch Depressionen werden nicht immer als Erkrankung verstanden. Das zeigt eine Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe aus dem Jahr 2017. Knapp ein Drittel der Befragten hielt Charakterschwäche für eine mögliche Ursache. Etwa jeder Fünfte glaubte, dass Zusammenreißen eine geeignete Hilfe sei. Die Vorstellung, Betroffene müssten sich lediglich mehr anstrengen, gehört also keineswegs nur einer fernen Vergangenheit an.

Besonders deutlich ist das Problem bei ME/CFS, einer schweren chronischen Erkrankung, bei der sich Beschwerden nach körperlicher oder geistiger Belastung erheblich verschlechtern können. Bereits ein Bericht des amerikanischen Institute of Medicine von 2015 dokumentierte, dass Betroffene auf Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihrer Erkrankung stießen und ihre Beschwerden teilweise für Einbildung gehalten wurden. Der Bericht beschrieb zugleich erhebliche Einschränkungen und Schwierigkeiten, eine Diagnose und angemessene Versorgung zu erhalten. Nationale Akademien

Bei Long COVID wiederum waren es zunächst Betroffene selbst, die den Begriff verbreiteten und auf anhaltende Beschwerden nach einer Coronainfektion aufmerksam machten. Er gelangte aus ihrem Austausch in die medizinische und politische Diskussion. Das Robert Koch Institut beschreibt darunter gesundheitliche Beeinträchtigungen, die über die akute Krankheitsphase hinaus bestehen. Ein öffentlich bekannter Name kann also auch entstehen, weil Menschen versuchen, bislang unzureichend beachtete Erfahrungen verständlich zu machen.

Diese Beispiele haben unterschiedliche medizinische Hintergründe. Sie belegen nicht, dass jede Erkrankung irgendwann als Mode galt. Sie zeigen aber, wie wenig sich aus fehlender Anerkennung darüber ableiten lässt, ob die Beschwerden eines Menschen tatsächlich bestehen.

Warum werden manche Diagnosen häufiger?

Entscheidend ist, zwischen der tatsächlichen Zahl der Betroffenen, der Zahl der gestellten Diagnosen und der öffentlichen Aufmerksamkeit für eine Erkrankung zu unterscheiden. Diese Entwicklungen müssen nicht im gleichen Tempo verlaufen.

Neue Untersuchungsmethoden können die Erkennung verbessern. Bei Multipler Sklerose etwa helfen MRT Untersuchungen, Veränderungen im Nervensystem nachzuweisen und zusammen mit weiteren Befunden eine Diagnose zu stellen. Hier zeigt sich, wie medizinischer Fortschritt die Möglichkeiten verändert, eine bereits bestehende Erkrankung zu erkennen.

Hinzu kommen gesellschaftliche Veränderungen. Menschen erfahren mehr über bestimmte Beschwerden, suchen deshalb eher Hilfe oder sprechen offener über ihre Schwierigkeiten. Auch diagnostische Kriterien können sich verändern. Ein 2026 veröffentlichter Fachbericht im Auftrag der britischen Regierung beschreibt für ADHS und Autismus unter anderem größere Bekanntheit, teilweise weniger Stigmatisierung und veränderte Diagnosekriterien als Einflussfaktoren.

Wie spät eine Diagnose erfolgen kann, zeigt eine Erhebung der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC. Nach den 2023 erhobenen und 2024 veröffentlichten Daten hatten 55,9 Prozent der Erwachsenen in den USA, die eine aktuelle ADHS Diagnose angaben, diese erst im Erwachsenenalter erhalten. Die Angaben beruhten auf Selbstauskünften. ADHS beginnt jedoch in der Kindheit. Eine Diagnose mit 40 bedeutet deshalb nicht, dass die Schwierigkeiten erst mit 40 entstanden sind.

Umgekehrt wäre es falsch, jeden Anstieg ausschließlich mit besserer Aufklärung zu erklären. Tatsächliche Zunahmen von Erkrankungen, veränderte Lebensbedingungen und Fehler bei der Diagnostik müssen ebenfalls untersucht werden. Der britische Fachbericht unterscheidet ausdrücklich zwischen übersehenen Erkrankungen, falschen Diagnosen und Überdiagnosen. Diese Probleme können gleichzeitig auftreten.

Steigende Zahlen sind deshalb ein Anlass für genauere Untersuchungen. Für sich genommen sind sie weder ein Beweis für bessere Versorgung noch für eine Modeerscheinung.

Erst wird das Anderssein kritisiert. Dann die Erklärung dafür.

Eine Diagnose kann auch das bisherige Urteil des Umfelds infrage stellen. Wer jemanden jahrelang für faul, unzuverlässig oder überempfindlich gehalten hat, muss sich möglicherweise eingestehen, dessen Schwierigkeiten falsch eingeordnet zu haben.

Das kann unbequem sein. Es ist aber kein Argument gegen die Diagnose.

Besonders widersprüchlich wird es, wenn ein Mensch zunächst als merkwürdig oder nicht normal abgewertet wird. Erhält er später eine medizinische Erklärung, heißt es plötzlich, er suche nur eine Ausrede oder bilde sich seine Schwierigkeiten ein.

Erst wird das Anderssein kritisiert. Dann wird die Erklärung dafür nicht akzeptiert.

Damit wird Betroffenen sowohl vorgehalten, dass sie früher keine Erklärung für ihre Schwierigkeiten hatten, als auch, dass sie inzwischen eine benennen können. Eine Diagnose muss nicht jeden Konflikt erklären. Sie allein deshalb zurückzuweisen, weil sie nicht zum bisherigen Bild eines Menschen passt, ist jedoch keine sachliche Prüfung.

Wenn jemand deine Diagnose oder die eines anderen Menschen als Modeerscheinung abtut oder darin nur eine Ausrede sieht, kannst du ihm diesen Beitrag schicken. Nicht jede Diskussion muss damit beginnen, dass Betroffene ihre gesamte Lebensgeschichte erklären. Auch wer Vorwürfe erhebt, trägt Verantwortung dafür, sich zu informieren und das eigene Urteil zu überprüfen.

Welche Verantwortung tragen die Medien?

Medien sollen hinterfragen, weshalb Diagnosen häufiger gestellt werden und wie zuverlässig die Untersuchungen sind. Doch der Begriff Modediagnose nimmt eine Bewertung vorweg. Er legt nahe, dass eine Diagnose vor allem deshalb auftaucht, weil sie gerade angesagt ist.

Damit wird aus einer offenen Frage schnell ein Verdacht gegen die Betroffenen.

Es gibt berechtigte Fragen zu Selbstdiagnosen und zur Qualität medizinischer Untersuchungen. Sich in einem Beitrag in sozialen Netzwerken wiederzuerkennen, ersetzt keine fachliche Abklärung. Die Leitlinie des britischen Instituts NICE zu ADHS verlangt beispielsweise eine umfassende Untersuchung einschließlich Entwicklungsgeschichte und Auswirkungen auf den Alltag. Einzelne Fragebögen reichen dafür nicht aus.

Gerade deshalb braucht es genaue Begriffe. Eine fehlerhafte Diagnose ist ein Problem der Diagnostik. Sie beweist nicht, dass das betreffende Krankheitsbild erfunden ist. Und eine Überschrift, die pauschal von Mode spricht, erklärt noch nicht, weshalb mehr Menschen Unterstützung suchen.

Was das mit unserem eigenen Denken zu tun hat

Auch künftig können Erkrankungen und Beeinträchtigungen stärker in den Mittelpunkt rücken, die bisher wenig beachtet wurden. Dabei werden manche medizinischen Erklärungen bestätigt, andere verändert oder verworfen. Die Geschichte liefert keine Garantie, dass jede umstrittene Diagnose irgendwann recht bekommt. Sie ist aber ein Grund, wissenschaftliche Unsicherheit nicht mit Unglaubwürdigkeit gleichzusetzen.

Das betrifft auch den Umgang miteinander im Märkischen Viertel. Niemand muss jede Diagnose im Detail kennen, um seinem Gegenüber zunächst zuzuhören.

Auch wer selbst wegen einer Erkrankung oder Behinderung abgewertet wurde, kann gegenüber anderen Vorurteile haben. Entscheidend ist, ob solche Gedanken ungeprüft zum Urteil werden oder Anlass sind, das eigene Wissen zu hinterfragen.

Dass etwas früher nicht erkannt oder verstanden wurde, bedeutet nicht, dass es damals nicht existierte. Wer eine Diagnose anzweifelt, sollte deshalb auch bereit sein, die eigenen Überzeugungen zu überprüfen.

Wissenschaftlicher Fortschritt bedeutet schließlich nicht nur, Neues zu entdecken, sondern manchmal auch anzuerkennen, wie viel zuvor falsch verstanden wurde.

ByLux

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert