Abschied von Reiner Schröter, der sich für Menschen im Viertel einsetzte

ByLux

18. Oktober 2026
Reiner Schröter

Vielleicht kanntest du Reiner Schröter nicht. Vielleicht bist du ihm im Märkischen Viertel begegnet oder hast einen Übergang genutzt, für dessen Verbesserung er sich jahrelang eingesetzt hatte. Nicht jeder wusste, wer hinter solchen Veränderungen stand. Für Reiner war entscheidend, dass sich etwas tat. Dass Menschen sicherer über die Straße kamen, Unterstützung fanden und mit ihren Sorgen gehört wurden.

Am 19. August 2026 ist Reiner Schröter im Alter von 80 Jahren gestorben. Mit ihm fehlt im Märkischen Viertel ein Mensch, der nachfragte und sich einmischte. Einer, der sich zuständig fühlte, wenn jemand Hilfe brauchte. Auch dann, wenn ihn niemand darum gebeten hatte.

Ich durfte ihn über längere Zeit kennenlernen und mit ihm zusammenarbeiten. Mit Reiner konnte man diskutieren, auch streiten, miteinander lachen und von ihm lernen. Er hatte seine Überzeugungen und vertrat sie. Wer ihm begegnete, bekam keine beliebigen Antworten. Man bekam einen Menschen, der sich mit einer Sache beschäftigte und wissen wollte, was sich verbessern ließ.

Am 15. Oktober kamen Nachbarn und Wegbegleiter im Café Apostel am Wilhelmsruher Damm 159 zusammen, um an ihn zu erinnern. Helene Böhm leitete das Gedenken ein und gab anschließend allen Gelegenheit, ihre Geschichten zu erzählen. Zwischen Menschen, die Reiner aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen kannten, wurde deutlich, wie viel er im Leben anderer bewirkt hatte.

Erzählt wurde von gemeinsamen Vorhaben, von seiner Unterstützung und von Diskussionen, die nicht immer einfach gewesen waren. Auch davon, dass er anderen durchaus auf die Nerven gehen konnte, wenn ihm etwas wichtig war. Das gehörte zu ihm. Ebenso wie sein Humor und seine Fähigkeit, Menschen zum Mitmachen zu bewegen.

Seine Stimme war unverwechselbar. Wer sie kannte, erinnert sich an sie. Und wer in seinem Mailverteiler war, wusste, dass Reiner seine Anliegen nicht nach einem einzigen Versuch beiseitelegte. Er schrieb, fragte nach, informierte und erinnerte. Er sorgte dafür, dass Probleme bei denen ankamen, die etwas daran ändern konnten.

Ein Beispiel liegt an der Treuenbrietzener Straße auf Höhe der Hausnummer 7. Dort hatte er sich über Jahre für einen sicheren Übergang eingesetzt. Der gewünschte Zebrastreifen wurde es nicht. Trotzdem trug sein Einsatz dazu bei, die Situation beim Überqueren der Straße zu verbessern. Schon 2023 berichteten wir über seine Forderungen und die vorgesehenen Veränderungen an der Haltestelle Packereigraben.

Für jemanden, der gut zu Fuß ist, mag eine Straßenquerung eine Kleinigkeit sein. Für einen Menschen mit Rollator oder jemanden, der mehr Zeit braucht, kann sie darüber entscheiden, ob ein Weg allein zu bewältigen ist. Reiner beschäftigte sich mit solchen Fragen. Mit Dingen, die im Alltag darüber bestimmen, wie selbstständig Menschen leben können.

Auch für einen Zebrastreifen am Senftenberger Ring auf Höhe der Bushaltestelle Märkische Zeile kämpfte er lange. Dieser Wunsch blieb zu seinen Lebzeiten unerfüllt. Sein Anliegen bleibt. Die Menschen, für die er sich dort eingesetzt hat, müssen weiterhin über diese Straße.

Seit 2022 gehörte Reiner der Seniorenvertretung Reinickendorf an. Er beriet Menschen im Stadtteilzentrum Ribbeck-Haus und in der Nachbarschaftsetage, organisierte den Nachbarschaftstreff am Senftenberger Ring 12 und brachte Anliegen in die Bezirkspolitik ein. 2023 wurde sein Einsatz beim Reinickendorfer Forum für Menschen mit Behinderungen mit einem Ehrenpreis gewürdigt.

Was hinter solchen Aufgaben steckt, wurde bei der Gedenkrunde in den persönlichen Erinnerungen greifbar. Reiner half im Sprachcafé beim Deutschlernen. Er unterstützte Menschen dabei, Ansprechpartner zu finden und nächste Schritte zu gehen. Er brachte Nachbarn mit politisch Verantwortlichen zusammen und organisierte Gelegenheiten, bei denen Menschen einander begegnen konnten.

Ein Wegbegleiter erzählte von ihren regelmäßigen Telefonaten. Dreimal in der Woche hörten sie voneinander, um zu wissen, dass es dem anderen gut ging. Wenn sich einer nicht meldete, sollte der andere etwas unternehmen. So konkret konnte Fürsorge bei Reiner aussehen. Jemand wusste, wann er sich melden würde. Jemand hätte bemerkt, wenn er ausblieb.

Auch ich habe erlebt, dass Reiner hinsah

In einer schwierigen Zeit bemerkte er, dass es mir nicht gut ging. Er fragte mich, was los sei. Und nachdem ich es ihm erzählt hatte, blieb es nicht bei einem bedauernden Satz. Er half mir, die nötigen Schritte zu sortieren, stellte Kontakte her und setzte sich dafür ein, dass mein Anliegen Gehör fand.

Die Einzelheiten möchte ich für mich behalten. Aber seine Hilfe hat mein Leben verändert und wirkt bis heute nach. Ich hätte ihm gern noch einmal ausdrücklich gesagt, wie viel mir das bedeutet.

Bei unserem Treffen am 15. Oktober habe ich mich nicht getraut, diese Geschichte zu erzählen. Deshalb möchte ich es hier sagen. Ich bin Reiner dankbar. Für seine Aufmerksamkeit, für seine Zeit und dafür, dass er meine Schwierigkeiten ernst nahm, als ich selbst noch versuchte, irgendwie allein damit zurechtzukommen.

Zu unserer Zusammenarbeit gehörte auch ein Beitrag über die Seniorenvertretung mit einem Interview. Dieser Text wurde zu seinen Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht. Reiner hatte Änderungsvorschläge und er wollte seine Kollegen ebenfalls darauf schauen lassen. Auch das war Teil der Zusammenarbeit mit ihm. Er prüfte, widersprach und wollte, dass die gemeinsame Arbeit richtig dargestellt wurde.

Dass der Beitrag damals nicht mehr fertig wurde, bedaure ich. Eine Antwort aus dem erhaltenen Interviewentwurf möchte ich aber heute teilen.

Ich hatte ihn gefragt, welche Botschaft er für ältere Menschen habe, die sich nicht trauen, Hilfe zu suchen.

„Ja. Ich würde sie einladen, einfach ein Gespräch mit uns zu führen. Niemand muss sich für seine Probleme schämen. Wir hören zu und lernen auch von den Menschen, die zu uns kommen. Es geht um Austausch, Respekt und Augenhöhe.“

Wenn ich diese Worte heute lese, denke ich daran, wie er selbst auf mich zugegangen ist. Er hatte bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Und er wollte es wissen.

Vielleicht erklärt das am besten, was Reiner für viele Menschen bedeutet hat. Er nahm ihre Schwierigkeiten ernst genug, um sich damit zu beschäftigen. Er investierte Zeit, führte Gespräche und blieb dran. Manchmal entstand daraus eine Veränderung im Viertel. Manchmal veränderte sich dadurch das Leben eines einzelnen Menschen.

Nicht alles davon lässt sich aufzählen. Nicht jede Hilfe wurde öffentlich und nicht jeder Dank wurde rechtzeitig ausgesprochen. Doch was ein Mensch für andere getan hat, endet nicht mit seinem Leben. Es bleibt in dem, was ihnen dadurch möglich geworden ist.

Danke, Reiner.

ByLux

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert